Auf der Zielgeraden (Teil 1, sachlich)

…oder auf zum Endspurt, um es sportlich zu formulieren. In rund einer Woche, Freitag oder Samstag, werde ich Santiago, mein eigentliches Ziel erreichen. Ich werde versuchen, Santiago spätestens gegen Mittag zu erreichen, das ich ausreichend Zeit habe, eine Unterkunft zu finden, mir meine Pilgerurkunde ausstellen zu lassen und vor allem mir einen Platz für meine Rückreise zu reservieren.
Nach dem langen und langsamen Hinweg kann ich mich einfach nicht mit dem Gedanken an einen schnellen Rückflug und der damit verbundenen Hektik an den Airports gewöhnen. Ich habe mich für die Rückfahrt mit einem Fernbus entschieden. Es gibt hier noch eine alte Busverbindung nach Dortmund ins Ruhrgebiet über Düsseldorf. Vielleicht erinnert sich noch einer an die alten Touringbusse am Düsseldorfer Hauptbahnhof nach Barcelona, Madrid oder Lissabon, das waren die alten Gastarbeiterlinien aus den 1960 und 1970er Jahren, heute fahren diese Busse nach Santiago und transportieren Jakobspilger.
Ich hoffe, es wird hier mit der Buchung nicht zu spät, denn an einigen Tagen ist die Fahrt schon ausgebucht.
Nach zwei Tagen Santiago beabsichtige ich noch drei bis vier Tage bis nach Kap Finisterre, dem Ende der Welt, dran zu hängen, um dann endgültig, so um den 20…24.Oktober, meine Rückreise anzutreten.

Langstreckenpilger

Wie schon erwähnt, beginnt für die Außereuropäer der Jakobsweg meist in Saint Jean Pied de Port. Diese haben sich oft eine berufliche Auszeit genommen und gehen den Weg bis Santiago in ca. vier…fünf Wochen. Je nach Streckenführung und Rechenmodel kommen sie auf ca 770…805km, zuzüglich der 89Km bis zum Kap Finisterre.

Das es in Europa ein ganzes Netz aus Jakobswegen gibt ist ihnen nur selten bekannt. Das es Jakobspilger gibt die bereits einige Hundert oder gar Tausend Kilometer hinter sich haben bevor sie auf den Camino Francaise kommen erstaunt sie sehr.

Die europäischen Pilger splitten ihren Weg, gehen ihn in Etappen, oft über mehrere Jahre verteilt von der Heimat aus, jedes Jahr 2…3 Wochen, je nach Möglichkeit. Hiervon habe ich auch schon einige kennengelernt.

Die Jakobspilger, die den Weg von der Heimat aus, oft über mehrere tausend Kilometer in einem Zug durchgehen, wie auch ich es tue, sind auch hier schon Exoten und jetzt schmeichel ich mir selber, geniessen eine gewisse Popularität unter den Pilgern.

Zur Zeit sind meines Wissens auf dem Camino:
Katarina die Flötenspielerin, gestartet im Juli in Fribourg in der Schweiz, sie habe ich mehrfach in Frankreich und zuletzt in Spanien getroffen.

Urs aus der Zentralschweiz, gestartet Anfang August, auch ihn habe ich schon mehrfach in Frankreich getroffen, zuletzt in den Pyrenäen.

Dann komme ich mit 2692km bis Santiago, gestartet im Juli in Ratingen.

Im Mai schon ist Kirsten aus Dresden gestartet. Sie kommt auf ca. 3200km. Sie habe ich in Frankreich kennengelernt und später noch einmal in den Pyrenäen getroffen.

Ein Ehepaar aus Österreich ist bereits im März in Wien gestartet, da sie aber aus gesundheitlichen Gründen nur kurze Tagesetappen bewältigen können, werden sie noch einige Zeit für ihre ca. 3300km benötigen. Sie habe ich im September in Frankreich kurz vor Cahor kennengelernt, da hatten sie noch runde1300km vor sich

Zum Schluss Jannik aus Dänemark. Er startete im Mai in Nordjütland, das ist da, wo sich Nord- und Ostsee treffen und hatte schon vor den Pyrenäen über 3000km unter Schusters Rappen. Er hat mich vor einigen Tagen an einem höllisch heissen Nachmittag in einem geradezu atemberaubendem Tempo überholt.

 

Nachtrag Früjahr 2019

Hier ein Auszug aus der offiziellen Pilgerstatistig des Pilgerbüros in Santiago für 2018

Pilger nach Santiago in 2018 gesamt                                                   327378

Pilger aus Deutschland                                                                                   25276

In Deutschland aufgebrochen und „non Stop“ gepilgert                   504

und hier nocheinmal im Detail als PDF Datei     peregrinaciones2018

 

Woher kennen Amerikaner und Asiaten eigentlich den Jakobsweg?

Seit ich die Pyrenäen überquert habe, ich berichtete bereits, ist mir die große Anzahl der außereuropäischen Jakobspilger aufgefallen.
Woher, habe ich mich gefragt, kennen die wohl den Jakobsweg. Wobei ich hier eingrenzen muss, wenn die Außereuropäer vom Jakobsweg reden, meinen sie im allgemeinen den Camino Francais von Saint Jean Pied de Port bzw. auch nur ab Pamplona bis Santiago. Dass es über ganz Europa ein Zubringernetz an Jakobswegen gibt, ist ihnen fast gänzlich unbekannt.
Ich habe, so neugierig wie ich nun einmal bin, begonnen, meine Wegbekanntschaften zu befragen. Sicher ist dies nicht representativ, aber interessant fand ich die Antworten schon.
Im Nordamerikanischen Raum kam es wohl nach dem Film „My Way“, in der deutschen Fassung „Dein Weg“ mit Martin Sheen, zu einem ähnlichen Effekt, wie er im deutschsprachigem Raum durch Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ ausgelöst wurde…und von „Ich bin dann mal weg“ soll es eine englischsprachige Ausgabe bis nach Neuseeland geschafft haben, wie mir eine Neuseeländerin berichtete.
Bei den Südamerikanern, vor allem den Brasilianern, ist es bereits Ende der 1980er Jahre ausgelöst durch „Auf dem Jakobsweg – Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela“ von Paulo Coelho zu einem ähnlichen Effekt gekommen der bis heute anhält.
Bei den Asiaten hingegen, diese haben nur in sehr seltenen Fällen einen Bezug zur christlichen Religion, ist es tatsächlich das Interesse an außerasiatischer Kultur, man hat mal etwas gelesen, im Fernsehen gesehen, ist im Internet darüber gestolpert und hat begonnen sich für den Jakobsweg zu interessieren.

Das abendliche Pilgermenue

Entlang des Caminos gibt es die verschiedensten Herbergen, mehr oder weniger komfortabel, aber alle bieten ein kostengünstiges „Pilgermenue“ an.
Heute Abend gab es einen gemischten Salat und der war nicht klein, Pommes mit Fleisch und ein Eis zum Dessert. Dazu eine Flasche Rotwein….das ganze für 12,–€.

Auf dem spanischen Camino habe ich meistens zwischen 12,– und 14,–€ für ein Pilgermenü bezahlt, das preiswerteste, ähnlich wie oben beschrieben, gab es sogar für 8,50€!!!

Neueste Erlebnisse, Teil drei

Hier in Spanien ist die Unterkunftsituation eigentlich sehr entspannt, so dass ich es mir abgewöhnt habe, meine Unterkünfte für die kommende Nacht vorzubuchen. Ich suche am Nachmittag eine Albergeque auf und hoffe, hier einen freien Platz zu finden. Wenn nicht, dann versuche ich es halt bei der nächsten Albergeque.
Für diesen Abend hatte Melanie San Nicolas vorgeschlagen. San Nicolas ist eigentlich eine Kapelle, die von italienischen Hospitaleros als Herberge betrieben wird.
In der Kapelle wird am Abend gemeinsam gekocht, vor dem Essen gibt es eine kurze Andacht mit dem Ritual der Fußwaschung, anschließend wird gemeinsam gegessen. Geschlafen wird zum großen Teil auf Matratzen, auf dem Fußboden der Kapelle.

Abendessen in der Kapelle San Nicolas

Am Morgen wird mit klassischer, sakraler Musik aus dem Smartphone geweckt. Es gibt ein gemeinsames Frühstück, dann brechen wieder alle auf zur nächsten Tagesetappe.
Gekocht wird in der Kapelle auf einem Gasherd, die Wasserversorgung erfolgt über einen eigenen Brunnen, das Warmwasser für die Duschen kommt aus den Solarkollektoren.
In der Kapelle steht lediglich Kerzenlicht zur Verfügung.
Finanziert wird diese Herberge ausschließlich mittels Donativo, d.h. mit den Spenden die die Jakobspilger hinterlassen. Ich habe hier 25,–€ hinterlassen, dieser Betrag entspricht in etwa dem was man in Spanien für ein Bett, Abendessen und Frühstück in einer Herberge kalkulieren muß.

Neueste Erlebnisse, Teil zwei

Zum Glück gibt es auch schöne Dinge zu berichten.
Gestern führte mich mein Weg durch die Klosterruine von San Anton. Eine kleine Landstraße führt direkt durch die Ruine. In diesem ehemaligen Pilgerhospiz wurden früher leprakranke Pilger betreut.

Auf der einen Seite der Straße befindet sich auch heute wieder eine Pilgeralberque, von der anderen Seite der Ruine schallte mir schon von weitem laute Musik entgegen. Hier hatte jemand in den Ruinen eine Bar eingerichtet und lockte mit der Musik die Jakobspilger an. Mit Erfolg. Auch ich kehrte, da es kurz vor Mittag war, ein. Hier traf ich auch Melanie wieder, wir kannten uns schon von der französischen Seite der Pyrenäen, man kann sich auf dem Camino einfach nicht aus dem Wege gehen.

San Anton, ein ehemaligs Pilgerhospitz für Leprakranke Pilger, heute eine Alberque auf der linken Straßenseite, eine Bar auf der rechten Straßenseite

So langsam füllte sich die Bar. Die Musik, die uns alle angelockt hatte, war ein Sampler bekannter Stücke im Celtik-Stil. Als dann Leonard Cohens „Halleluja“ lief, sang sofort die ganze Bar mit, nun ja, der Text ist ja auch recht einfach…es war eine wunderbare Stimmung.

Neueste Erlebnisse, Teil eins

Die letzten Tage waren wieder sehr erlebnisreich. Das betrifft das Land, die Landschaft, aber vor allem die Menschen, denen ich begegnet bin.
Diesmal lasse ich sogar die Vornamen weg.
Da ist ein Naturwissenschafler aus Dänemark, von der äußeren Erscheinung würde man ihn eher für einen Polizisten oder Soldaten einer Eliteeinheit halten. Dessen wissenschaftliche Arbeit und deren Ergebnisse kollidierten jedoch mit seiner religiösen Grundeinstellung.
Oder ein holländischer Jurist, der für das internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag arbeitet und hier versucht, seine Berichte und Bilder der grausamsten Kriegsverbrechen die er zu Dokumentieren hat zu verarbeiten.

Noch drei Monate bis Heiligabend oder…

…heute seit elf Wochen oder 77Tagen auf dem Camino.
Ich habe in den letzten Tagen wieder viele interessante Menschen aus aller Welt kennengelernt. Auch, wenn ich mir gelegentlich mal ein etwas komfortableres Hotel gönne, ein wenig Luxus muss halt sein, treffe ich die meisten und interessantesten Menschen in den einfachen Pilgerherbergen. Heute Abend bin ich kurz vor Burgos in so einer einfachen Herberge und freue mich schon darauf, mit vielen Menschen verschiedenster Nationen, von verschiedenen Kontinenten dieser Erde, gemeinsam zu Abend zu essen.
Morgen werde ich Burgos passieren, so große Städte sind mir inzwischen ein Graus, ich habe gelernt die Ruhe zu schätzen, dann sind es keine 500km mehr bis Santiago und nur noch knappe 600km bis zum „Ende der Welt“.

Auf dem Camino Francais, keine 600km mehr bis Santiago

Vor einigen Wochen hatte ich schon zwei Mal über die Tourismusindustrie und den Jakobsweg geschrieben. Hier in Spanien wird das in Frankreich Erlebte aber in jeder Hinsicht getoppt.
Spontan einen Platz in einer Pilgerherberge zu bekommen, ist fast nie ein Problem, eine Unterkunft in einem Hotel zu bekommen schon eher. Es gibt inzwischen Veranstalter, die ihren Kunden den Jakobsweg komplett durchorganisieren, die Streckenplanung, die Buchung der Unterkünfte, den Gepäcktransport, die Pilgerurkunden. Diese Pilger haben dann nur noch einen kleinen Tagesrucksack mit einem Lunshpaket und etwas zu Trinken in ihrem Rucksack,dieser ist selbstverständlich mit Jakobsmuschel und Firmenlogo des Veranstalters signiert.
Der Weg an sich ist, was das Wandern angeht, lange nicht so anspruchsvoll wie auf der französischen Seite der Pyrenäen, ich komme mir eher vor wie auf einer „Pilgerautobahn“. Wir laufen hier auch tatsächlich und ich muss sagen leider, über bestens ausgebaute parallel geführte Wege zur Autobahn und Schnellstraßen. Bei diesen gut ausgebauten Pilgerpisten sind Tagesetappen von 30km natürlich kein Problem….und wenn doch, dann wird der Veranstalter angerufen und dieser sammelt seine Kunden, wenn es sein muss, mit dem Geländewagen auf der Strecke ein.

Wo bleibt hier der Geist des Jakobsweges?

Der Jakobsweg in Spanien, ein ganz neues Erlebnis, eine ganz neue Erfahrung

Heute am Mittwoch habe ich die 2000km Marke überschritten. Gestern, am Dienstag vor zehn Wochen, bin ich aufgebrochen. Vorgestern, am Montag habe ich meine siebzig Tage auf dem Camino voll gemacht.
Mit dem überschreiten der Pyrenäen hat sich der Jakobsweg in meiner Wahrnehmung noch einmal komplett verändert.
In den ersten sechs Wochen bis Le Puy war ich sehr allein, und das war gut so.
Ab Le Puy hatte ich bis auf wenige Ausnahmen nur französische Kontakte, dazu ein paar Deutsche, Schweizer, Österreicher, Holländer und Scandinavier, andere Nationalitäten waren eher die Ausnahme. Kommuniziert wurde fast ausschließlich englischsprachig.
Seit Saint Jean Pied de Port wurden meine Begleiter auf dem Camino internationaler, täglich lerne ich Menschen aus aller Welt, von allen Kontinenten dieser Erde kennen.
So, wie ich mich zuvor in Frankreich überwegend englischsprachig und ein wenig mit meinem rudimentären französisch verständigt habe, was auch ganz gut funktionierte, ist die Umgangssprache auf dem Camino auf der spanischen Seite der Pyrenäen fast ausschließlich englisch.
Es ist ein Erlebnis, hier so viele Menschen zu treffen, die einerseits über eine gewisse Weltoffenheit verfügen, jedem anderen Menschen unvoreingenommen gegenüberstehen, jeden anderen sofort mit in die Gesprächsrunde mit einbeziehen.
Dieser Tage saß ich mit Ashlie, das ist übrigens die weibliche Form von Ashlay, einer jungen Amerikanerin aus Washington/Staat zum Abendessen an einem Tisch. Binnen kurzer Zeit setzten sich noch einige andere Jakobspilger zu uns, auf dem Camino sitzt eigentlich niemand alleine am Tisch. Wir führten unsere Unterhaltung selbstverständlich auf englisch. Erst später merkten wir, dass wir zu fünf Deutschen waren und nur eine Amerikanerin, aber wir führten unsere Unterhaltung wie selbstverständlich auf englisch fort, denn sonst hätten wir Ashlie aus unserer Unterhaltung ausgeschlossen.

Zu hören sind die Glocken von Los Arcos, die zur Pilgerandacht rufen.